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Eine Analyse des Ärgers

Wann lohnt es sich, dem Ärger Raum zu lassen für seine Entfaltung? Komische Frage, man regt sich dann auf, wenn es gerade kommt und das hat seine Berechtigung. Ist dem wirklich so? Wut entsteht bei einem jedem Menschen aus anderen Gründen oder in anderen Situationen. Dabei ist sie nicht zwingend negativ, denn so ein Wutanfall kann auch belustigende Ausmasse annehmen. Das hängt vom subjektiven Blickwinkel auf Tatsachen ab, welche den einen ärgern und den anderen eben nicht.

Ein paar alltägliche Beispiele

  1. Nehmen wir an, ein äusserst gut gelaunter Mensch trifft auf einen wahnsinnig verärgerten Mitmenschen, auf wessen Schuh sich frischer Taubendreck befindet. Von der Seite des Beschmutzten klingt es so: “Scheisstaube, das sind neue Schuhe! Jetzt muss ich diese verblödete Kacke putzen!” Der Gutgelaunte denkt amüsiert: “Nastuch raus. Ein Wisch und weg. Wo ist das Problem?”
  2. Schlängelst du dich manchmal mit deinem Drahtesel am Verkehr vorbei, erlaubst dir in der Einbahnstrasse in die Gegenrichtung zu fahren, benutzt bei Bedarf den Gehsteig oder missachtest rote Ampeln? Herrlich oder? Klar musst du dann auch mal kräftig in die Eisen greifen, weil du zu vorwitzig in die Pedalen getreten hast. Und da regt sich ein Fussgänger lautstark auf und äussert das mit einem: “Geht’s noch! Bei rot durch!”
  3. Ein Fischer in Thailand ist verärgert. Seine Lebensgrundlage wankt stark. Es schwimmen immer weniger Fische in seiner Bucht stattdessen immer mehr Gummihandschuhe und Plastikboxen. Die industrielle Fischerei nimmt alle Tiere und hinterlässt dafür ihre nicht mehr verwendeten und defekten Utensilien.
  4. Familie Mustermann geht bräteln im Wald mit Kindern und Hund. Ihre Kinder halten Cervelats über das Feuer und der geliebte Hund kaut an einem Geflügelsnack für gesunde Zähne. Die Eltern regen sich über einen Skandal in der Zeitung auf, der von der schlechten Haltung von Hühnern in der Schweiz handelt.

Eine Frage der Wahrnehmung

So weit so gut. Jeder hat seine eigenen Ärgernisse. Wenn du nun einen Schritt zurück nimmst und Abstand gewinnst zwischen deinen wunden Punkten und dem Rest der Welt, kann es da passieren, dass eine gewisse Berechtigung verloren geht? Wenn du dir die obigen Vergleiche zu Herzen nimmst, fällt dir irgendetwas auf?

Unbewusst empfinden wir etwas als schlimm und etwas anderes als egal. Das Eine ist richtig, das Andere ist falsch. Aufgrund von Kindheitserinnerungen, Erziehung und Erfahrungen urteilen wir über gewisse Dinge als schlecht und über andere als gut. Und gerade weil es uns in Europa so gut geht, mutieren kleine Fruste zu grossen Problemen, die eigentlich gar keine sind.

Wechseln wir unseren Blickwinkel und schauen uns das Ganze mal aus der Vogelperspektive an, merken wir plötzlich, wie klein unsere Frustrationen doch sind. Der Fischer hat ein Dilemma. Sein Leben hängt vom Fischfang ab. Hat auch der von der Taube bekackte ein echtes Problem? Oder der Alte, welcher den Fahrradfahrer beschimpft oder die Eltern mit dem Hund? Alle empfinden vielleicht die gleich starke Wut, doch die Hintergründe sind total anderer Art.  

So ist es nun mal

Je verwöhnter wir vom Leben sind, desto tiefer ist die Hemmschwelle, uns über triviale Gegebenheiten aufzuregen, welche meist mit äusseren Umständen zu tun haben, die wir nicht ändern können. Oder wir reden uns ein, sie nicht ändern zu können, weil wir zu bequem sind, alte Gewohnheiten aufzugeben. Es ist anzunehmen, dass der Fischer sich köstlich amüsieren würde, wenn dieser wüsste, mit welch schlimmen Dingen wir armen Europäer uns herumschlagen müssen.

Manchmal fehlt uns ein quäntchen Bewusstsein im hektischen Alltag und eine gewisse Sensibilität für die wirklich problematischen Dinge, über die man sich wirklich aufregen dürfte und seine konsequenzen ziehen müsste. Doch da konzentrieren wir uns lieber auf die nicht so schlimmen Sachen und lassen uns schön ablenken von den wirklichen Missständen, die eigentlich Handlungsbedarf erfordern.


Was denkst du über den Ärger? Teile deine Meinung mit uns mit einer Frage, einem Kommentar oder einem Vote. Wir sind gespannt :-).


Autorin: Linda Schenker

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Kommentare ( 3)

Ärger ist Hass in Babyform. Süss und knuddelig. Geben wir ihm die Chance, sich in Liebe zu verwandeln.
Ich ärgere mich manchmal über Menschen, die sich dauernd über etwas ärgern. Ich denke, man könnte sagen, je mehr sich jemand ärgert, desto mehr Frust muss derjenige kompensieren. Vor allem, wenn es um banale Angelegenheiten geht, ist doch Ärger reine Energieverschwendung. Ein Paradebeispiel dafür ist doch das Verhalten der Strassenverkehrsteilnehmer. Passt das Wort Ärger überhaupt zu den wirklich ernsten Problemen auf unserem Planeten? Ich meine, der Fischer, der um seine Existenz bangen muss, ist sicher nicht nur verärgert, sondern hat Angst vor seiner Zukunft.
Die meisten Menschen sind einfach nur bequem und haben keine Lust das Gehirn einzuschalten. Der Umfang der Gleichgültigkeit gegenüber den wirklich wichtigen Themen ist bedauernswert.