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Vegan Club an der HSG: Das ökonomische Potenzial des pflanzlichen Marktes

Seit 2017 gibt es an der Wirtschaftsuni in St. Gallen einen Verein für Veganismus: den Vegan Club, geführt von Rebecca, Raffael und Giulia. Rebecca und Raffael sind ein Paar und gründeten den Vegan Club vor über einem Jahr. Giulia ergänzte den Vereinsvorstand etwa ein halbes Jahr später. Im Ultimo Bacio in St. Gallen treffen wir uns zum lockeren Interview. Die drei erzählen von wirtschaftsethischen Gedanken und Nachhaltigkeitsbewusstsein an der Uni St. Gallen, vom wirtschaftlichen Potenzial des pflanzlichen Marktes und von ihrem persönlichen Weg hin zum Veganismus.

Seit wann seid ihr an der HSG und was studiert ihr?

Rebecca: Raffael und ich studieren seit 2013 an der HSG und sind mittlerweile im Masterstudium. Ich studiere jetzt im ersten Semester im Master in Business Innovation (MBI).

Raffael: Ich studiere Strategy and International Management (SIM) im Masterstudium. Daneben interessiere ich mich momentan sehr für Astrophysik – ich habe mir sogar überlegt, nachher noch Physik zu studieren! Aber vielleicht werde ich erst mal noch eine Weile arbeiten.

Giulia: Ich bin jetzt im dritten Semester vom Bachelor BWL. Ursprünglich habe ich eine Banklehre gemacht und bin dann über ein paar Umwege an die Uni gekommen.

Warum lebt ihr vegan?

Rebecca: Ich bin jetzt seit 4 Jahren vegan. Davor war ich ein halbes Jahr lang Vegetarierin. Ein prägendes Erlebnis für mich war, als ich mal als Zuschauer zum Fischen mitgegangen bin. Zu sehen, wie die Fische aus ihrem Lebensraum gerissen werden und anschliessend sterben, hat sich für mich einfach nur falsch angefühlt. Da habe ich aufgehört, Fisch zu essen. Langsam aber sicher kam alles andere auch dazu. Mittlerweile gibt es für mich keinen Weg zurück mehr. Mit dem Wissen, das ich jetzt habe, könnte ich das nicht mehr mit mir vereinbaren.

Raffael: Ich wurde vegan dank dem Einfluss von Rebecca. Das war aber nicht ganz so einfach. Ich komme aus einer brasilianischen Familie, wo beispielsweise das Barbeque einen sehr hohen Stellenwert hat. Als Rebecca Vegetarierin und dann Veganerin geworden ist, war es für mich schwer zu akzeptieren, dass ich mein ganzes Leben lang etwas Falsches gemacht haben soll. Da gab es schon ein paar Diskussionen zwischen uns. Schlussendlich habe ich während einem Monat einfach mal ausprobiert, vegan zu leben, und mich gleichzeitig viel darüber informiert. Als ich kurz darauf für einen Uni-Austausch nach Kalifornien gegangen bin, wurde mir klar, dass es gar nicht umständlich sein muss, vegan zu leben. Kalifornien ist schon sehr fortschrittlich und viele Menschen leben dort vegan. Da haben sich all meine Vorurteile in Luft aufgelöst.

Giulia: Ich war immer schon ein Tierfreund, habe aber immer gedacht, dass es ungesund ist, keine tierischen Produkte zu essen. Mein Freund ist aber vegetarisch aufgewachsen. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, dass man auch ohne tierische Produkte ganz normal und gesund leben kann. Vor etwas mehr als einem Jahr bin ich nach dem Vorbild von meinem Freund Vegetarierin geworden. Etwa einen Monat später haben wir zusammen die Doku «What the Health» geschaut und sind daraufhin gemeinsam vegan geworden. Wenn ich alle Dinge, die ich jetzt weiss, vorher schon gewusst hätte, wäre ich schon viel früher vegan geworden!

Als ihr den Vegan Club gegründet habt, wie war der Anklang an der HSG?

Rebecca: Wir waren positiv überrascht vom Interesse an der HSG. Bei der ersten Veranstaltung habe ich gehofft, dass 10 Leute teilnehmen. Da kamen aber schon etwa 30! Mittlerweile haben wir zirka 90 Mitglieder. Wir sind also sehr schnell gewachsen. Ich weiss nicht genau, wie das Verhältnis zwischen Veganern und Nicht-Veganern ist. Es ist ja keine Bedingung, dass man als Mitglied im Vegan Club vegan oder vegetarisch lebt. Umso besser, wenn auch Fleischesser Mitglied werden! Denn so können wir einen grösseren Impact haben.

Wie verbreitet ist der Veganismus an der HSG?

Raffael: In meinen Jahren an der HSG habe ich sehen können, dass der Nachhaltigkeitsgedanke an der HSG immer wichtiger und immer mehr institutionalisiert wird. Es gibt jetzt zum Beispiel eine Plattform für Nachhaltigkeitsvereine. Zudem engagiert sich das Institut für Wirtschaftsethik auch immer mehr. Und von den neu gegründeten Vereinen beschäftigen sich sehr viele mit sozialen und nachhaltigen Themen. Die HSG als Institution ist also nicht schlecht aufgestellt. Klar, kann man immer mehr machen, aber es kommt!

Rebecca: Wir hatten auch sehr positives Feedback, als wir letztes Semester einen Stand mit iAnimal VR-Brillen organisiert haben. Da sind wir auf viel Interesse gestossen. Die Studenten waren durch die Filme wirklich betroffen, aber haben immer sehr gut reagiert. Viele möchten etwas an ihrem Konsum ändern. Das zeigt also, dass es für sie immer mehr auch persönlich zum Thema wird.

Wie sieht es an der HSG mit Verpflegungsmöglichkeiten aus?

Giulia: Da gibt es schon Verbesserungspotenzial. Es gibt das Lifestyle-Menü in der Mensa, wo die CO2-Emissionen angeschrieben sind. Teilweise gibt es vegetarische Menüs, aber explizit vegan habe ich noch nie gesehen. Persönlich bediene ich mich oft vom Buffet. Es wäre schon mal ein guter Anfang, wenn die Mensa ihr Essen deklarieren würde. Das wäre auch für Allergiker relevant. Ich habe mal etwas genommen und erst beim Essen bemerkt, dass Parmesan dran war. Das hat man halt nicht gesehen. Das könnte man definitiv noch verbessern.

Rebecca: Das Einzige, was wirklich als vegan angeschrieben ist, ist die Balsamico Salatsauce! Man bekommt zum Beispiel auch keine Sojamilch. In der Studentenbar Adhoc schon, aber in der Mensa oder in den Cafeterias nicht. Es haben schon viele Studenten versucht, in der Mensa etwas zu verändern. Aber da stösst man nicht gerade auf offene Ohren.

Was sind eure Ziele als Vegan Club?

Raffael: Es geht vor allem darum, durch ein möglichst inklusives Bild ein stärkeres Bewusstsein zu schaffen. Auch wenn dadurch nur schon ein bewussterer Umgang mit dem Fleischkonsum ausgelöst wird. Zudem sehen wir viel Potenzial in der Verbindung von Business und Veganismus. Es ist enorm, wie viel Geld von grossen Konzernen in junge plant-based Start-Ups gesteckt wird. Das wirtschaftliche Potenzial ist riesig und das verwenden wir, um HSG-Studierende anzusprechen.

Giulia: Zusätzlich möchten wir das Image vom Veganismus ein wenig ändern. Viele haben noch ein negatives Bild davon.

Raffael: Vegan sein ist nicht langweilig, verstaubt, oder Hippie – sondern es ist cool und es macht Sinn. Das möchten wir möglichst vielen Studenten zeigen.

Wie ändert man denn das Image und bringt den Veganismus ein bisschen mehr in den Mainstream?

Giulia: Wir versuchen, Veganismus mit Business zu verbinden. Wir hatten vor ein paar Wochen einen Event mit Blue Horizon, einem Venture Capital, das nur in plant-based Start-Ups investiert. Das Unternehmen macht viel Geld und ist sehr erfolgreich. Gerade für HSG-Studierende ist das sehr attraktiv. Durch diese Verbindung glauben wir, die breite Masse an der HSG erreichen zu können.

Rebecca: Allgemein ist es wichtig, dass etablierte Brands dort auch aktiver werden. Denn nur so wird die breite Masse erreicht. Kleine vegane Restaurants und Läden sind zwar cool, aber der grosse Impact und Image-Wandel wird nur über die grösseren Marken funktionieren. Schliesslich braucht es auch einfach Zeit, denn ein Image lässt sich nur langsam ändern.

Wie seht ihr den Zusammenhang von Wirtschaft und Veganismus?

Raffael: Viele vegane Food Start-Ups und Abteilungen von etablierten Food-Unternehmen sehen langsam, wie viel Potenzial da vorhanden ist. Es fliesst sehr viel Geld durch Venture Capitals und Business Angels. Wenn man sich anschaut, in welchen Dimensionen da investiert wird – das ist der Wahnsinn. Veganismus wird oft in einen Topf geworfen mit Links-Aktivismus und Antikapitalismus, aber das muss überhaupt nicht sein. Klar ist der Kapitalismus ein Problem, wenn es nur um den Profit geht und in diesem Sinne Tiere ausgebeutet werden. Aber andererseits ist er ein unglaublich schlagkräftiges Instrument dafür, das System zum Besseren zu bewegen. Die Realität ist halt: Dort wo das grosse Geld ist, dort ist auch die grosse Schlagkraft.

Also hat der pflanzliche Markt definitiv auch ökonomisches Potenzial?

Raffael: Definitiv. Ich glaube sogar, dass plant-based eine der disruptivsten Bewegungen in der ganzen Gesellschaft ist. Food ist weltweit der grösste Markt. Der pflanzliche Wandel wird diesen Sektor komplett auf den Kopf stellen. Logischerweise wird es Unternehmen geben, die verlieren, wenn sie nicht rechtzeitig den Schritt machen. Aber es wird zukünftig auch sehr viel Potenzial geben.

Es gibt ja allgemein in der Schweiz noch nicht sehr viele vegane Restaurants – und wenn, dann oft eher klein und alternativ. Warum hat sich das nicht schon viel mehr durchgesetzt?

Rebecca: Persönlich habe ich das Gefühl, dass es sehr viel Potenzial hat. Ich weiss nicht, warum sich das nicht schon mehr durchgesetzt hat. Gerade Zürich müsste dafür eigentlich das perfekte Pflaster sein. In Berlin gibt es zum Beispiel an jeder Ecke ein veganes Restaurant. In der Schweiz sind wir wohl einfach ein bisschen langsamer als der Rest von Europa oder die USA. Es braucht einfach länger bei uns, bis so etwas Fuss fasst.

Raffael: Es braucht einmal jemanden, der’s richtig erfolgreich umsetzt.

Rebecca: Die kleinen veganen Läden, die es ja gibt, machen wahrscheinlich den Weg frei, bis dann ein grösseres Unternehmen das Potenzial sieht. Es hat viel mit Angewohnheiten zu tun und die Schweiz muss sich wohl einfach noch daran gewöhnen.

Giulia: Der Kostenpunkt ist sicher auch ein wichtiger Aspekt. Oft bezahlt man schon einen gewissen Preis in veganen Restaurants und viele glauben deshalb, sie könnten sich vegan nicht leisten.

Rebecca: Es hat auch damit zu tun, dass die veganen Restaurants oft die extrem gesunde Schiene befahren. Diese ziehen automatisch nur Kunden an, die sich sowieso schon dafür interessieren. Im Gegensatz dazu hat zum Beispiel das Elle’n’Belle auch für solche, die sich Fleisch gewohnt sind, sehr gutes Essen gemacht. Es fehlen solche Konzepte, die veganes Essen zum Mainstream machen. Damit es nicht zu einer Sondernische, sondern massentauglich wird.

Raffael: Mich nervt das auch, wenn ich irgendwo das vegane Menü bestelle und dann nur eine kleine Portion Gemüse bekomme. Oft besteht halt noch der Glaube: Veganer essen ja nichts. Das Elle’n’Belle hat deftiges Fast Food, was es natürlich auch braucht, aber in der Mitte gibt es noch sehr wenig. Bisher geht niemand in genau diese Lücke. Zudem ist Gastronomie in der Schweiz natürlich auch schwieriger als im Ausland. Sehr hohe Kosten, kein grosser Markt, viele Auflagen.

Was ist für euch persönlich die grösste Schwierigkeit im Veganismus?

Giulia: Da ich aus ethischen und moralischen Gründen vegan bin, habe ich überhaupt keine Mühe damit, auf tierische Produkte zu verzichten. Was ich aber schwierig finde, ist die Diskussionen mit Menschen, die nicht informiert und nicht offen sind für meine Lebensweise. Wenn jemand prinzipiell dagegen ist und die Diskussion ausartet… damit habe ich Mühe und dann rede ich lieber mit jemand anderem.

Rebecca: Die Umstellung braucht eine Weile. Bei mir hat es etwa einen Monat gedauert, bis ich wirklich drin war. Aber ab dem Zeitpunkt ist es für mich wie eine Second Nature, vegan zu leben. Tierische Produkte sehe ich gar nicht mehr als Nahrungsmittel. Schwierigkeiten habe ich eher bei Kleidung und Schuhen. Ich finde es schwierig, qualitativ hochwertige Schuhe zu finden. Andererseits ist das aber ein solch kleines Problem, damit kann ich mich zurechtfinden. Manchmal finde ich es schwer zu glauben, dass nicht mehr Menschen vegan sind. Wenn man es mal versucht, dann merkt man, es ist sehr gut machbar!

Raffael: Für mich gibt es zwei Schwierigkeiten. Einerseits habe ich in gewissen Momenten immer noch Lust auf tierische Produkte. Das hängt mit Erinnerungen zusammen. Zum Beispiel ist Grillieren für mich mit vielen guten Erinnerungen verknüpft. Aber das kommt nur selten vor und ich komme damit gut zurecht. Die zweite Schwierigkeit ist es, nach aussen die Balance zu finden und ein positives Vorbild zu sein. Es ist oft frustrierend, wenn andere nicht verstehen, was man selber als die einzig richtige Option sieht. Das versuche ich ein bisschen loszulassen. Andererseits soll es mir aber auch nicht komplett egal sein, was andere machen. Es ist nicht immer einfach, positiv und offen zu bleiben und als gutes Vorbild zu wirken.

Giulia: Vor allem am Anfang war es bei mir so, dass ich der ganzen Welt davon erzählen wollte, welche Ungerechtigkeit tagtäglich vor sich geht. Da habe ich nicht verstanden, wieso andere das nicht auch so sehen. Da gab es schon einige Diskussionen. Man muss aber schlussendlich eine Balance finden und sich immer fragen, ob sich die Diskussion lohnt. Ich will die Gedanken hinter dem Veganismus ja möglichst positiv vermitteln.

Raffael: Für mich ist es sehr wichtig, Leute nicht zu verurteilen. Es ist für jeden ein persönlicher Prozess und vor fünf Jahren war ich ja auch noch an dem Punkt.

Rebecca: Man muss manchmal aus dem veganen Bubble ausbrechen.

Giulia: Was ich persönlich auch lernen musste, ist, dass ich nicht immer nur erzähle, wie viele Tiere sterben und wie schlecht der Fleischkonsum ist. Stattdessen versuche ich jetzt zu erzählen, wie gut die pflanzliche Lebensweise für die Gesundheit und für den Planeten ist.

Raffael: Der Aggressionsansatz funktioniert nie. Es gibt nur noch mehr Gegendruck. Ich habe aber schon viele Leute dazu bewogen, vegan oder vegetarisch zu werden, indem ich einfach zeige, wie gut das ist.

Rebecca: Das stimmt. Schlussendlich kann man viel mehr erreichen, wenn man ein positives Bild vorlebt und Verständnis zeigt. Dann sind die Leute viel eher bereit, zuzuhören und sich offen zu stellen. Das ist ein wichtiges Learning, das bei mir erst mit der Zeit und mit der Erfahrung gekommen ist. Das Beste, das wir machen können, ist ein gutes Vorbild zu sein und Positives zu erzählen.


 Vielen Dank für das interessante Gespräch, Giulia, Rebecca und Raffael! 

 

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Kommentare ( 1)

Coole Sache! Hoffentlich gibts bald mehr Mensen, die auch vegane Gerichte anbieten.